Mit kleinen Schritten zum Ziel

Wie geht es dir? Wieso tust du dir das an? Geht es dir eh immer noch gut? Diese drei Fragen muss Birgit Gerstorfer seit ihrem Wechsel vom Chefsessel des AMS Oberösterreich in die Politik immer wieder beantworten. Uns hat die SPÖ-Landeschefin und Landesrätin noch eine Reihe von weiteren Fragen beantwortet.

Sie haben eine erfolgreiche Karriere vorzuweisen und sich von der Teilzeit-Sekretärin bis zur AMS-Landesgeschäftsführerin hochgearbeitet. Was war dabei für Sie persönlich am schwierigsten?

GERSTORFER_Es gibt nicht eine Besonderheit, die ich als besonders schwierig einordnen würde, aber etwas, das sich über das gesamte Arbeitsleben hinweg zieht: die Verantwortung für Kinder. Je kleiner diese sind, umso herausfordernder ist es. Ein anderer Aspekt ist, je weiter man die Karriereleiter in die Höhe klettert, umso mehr kommt das Frausein immer wieder zum Tragen. Ich habe manches Mal den Eindruck gehabt, dass man sich als Frau doppelt so viel anstrengen muss, damit man die gleiche Wertschätzung wie ein Mann bekommt. Oder man muss sich doppelt so vehement durchsetzen oder versuchen durchzusetzen, damit man gehört und ernst genommen wird. Darauf muss man aktiv achten und darf sich nicht einschüchtern lassen.

Haben Sie konkrete Beispiele, wo Sie härter für Wertschätzung kämpfen mussten?

GERSTORFER_Es ist notwendig, sich im fachlich-sachlichen Bereich sehr gut auszukennen, um sich dort nicht irgendwie auf das Glatteis führen zu lassen. Beim AMS, wo ich einen Großteil meines Berufslebens verbracht habe, gibt es aber eine starke Frauen- und Gleichstellungsorientierung und es war daher für mich persönlich gar nicht so schwierig, wie es mir Frauen aus der freien Wirtschaft oft erzählen.

Was sind die Schwierigkeiten in der freien Wirtschaft?

GERSTORFER_Damit eine Gleichstellung von Mann und Frau im Berufsleben möglich ist, braucht es eine Rücksichtnahme auf die Besonderheiten, die Frauen sehr oft mitnehmen. Sie tragen zur Kinderbetreuung und Haushaltsführung häufig mehr als Männer bei. Das traditionelle Bild der Frau als Zuverdienerin mit geringerem Einkommen hat über weite Strecken immer noch Gültigkeit. Firmen mit eigenen Personalabteilungen reagieren darauf auch entsprechend – aber der Großteil der oberösterreichischen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe und dort hat das Thema diesen Stellenwert nicht. Frauenförderung ist da sicher nicht ganz oben in der Prioritätenliste.

Welche Rahmenbedingungen kann die Politik schaffen?

GERSTORFER_Es ist eine sehr hohe Bewusstseinsbildung notwendig, braucht aber auch die entsprechenden Steuerungsinstrumente im Hintergrund. Durch mein Frauenressort werden viele Angebote finanziert, bei denen es auch stark um Bewusstseinsbildung und Beratung geht. Oberösterreich ist bei den Kinderbetreuungsstellen nicht besonders gut aufgestellt und das ist auch der Grund, warum viele Frauen Teilzeit arbeiten, obwohl sie gerne mehr Arbeitsstunden hätten oder bräuchten. Der Ausbau ist natürlich mit Kosten verbunden, aber es muss mittelfristig unser Ziel sein, dass wir für jeden ein Kinderbetreuungsangebot zur Verfügung stellen und jeder selber entscheiden kann, ob er es in Anspruch nimmt oder nicht. Das ist auch eine Chance, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ich plädiere für einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. In den skandinavischen Ländern gibt es diesen mit gleichzeitig höherer Frauen-Erwerbsbeteiligung und höherer Geburtenrate – beides wäre für Oberösterreich und Österreich erstrebenswert. Die Umsetzung wäre auf Landesebene möglich, aber ich bewege mich da ziemlich auf alleiniger Front – nicht zuletzt wegen der fehlenden Finanzierung oder weil es aufgrund konservativer Rollenbilder in der Landesregierung nicht gewünscht ist. Ein aktuell nur sehr eingeschränktes und zahnloses Instrument ist das Einkommenstransparenzgesetz. Für mehr Frauen in Führungspositionen bin ich für eine Quotenregelung.

Da hört man oft den Vorwurf der Quotenfrau …

GERSTORFER_Es wird kein Betrieb so ungeschickt sein, eine schlechtere Frau zu nehmen, wenn es einen besseren Mann gibt. Die Frage ist immer, was das Ziel ist. Damit morgen die Gleichstellung gelungen und die Einkommensschere geschlossen ist, müsste auf vielen Ebenen gleichzeitig was passieren. Momentan nähern wir uns dem Ziel leider nur in kleinen Schritten. Ohne Maßnahmen werden wir die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt ewig nicht schaffen – laut einem OECD-Bericht brauchen wir noch 172 Jahre bis zur Einkommensgleichstellung.

Wie haben Sie persönlich die Betreuung Ihrer beiden Töchter organisiert?

GERSTORFER_Wenn man zurückblickt sieht man, dass da viel geschehen ist. Ich hatte vor 30 Jahren ein Karenzmodell mit einem Fixbetrag für ein Jahr. Während meine Kinder klein waren, gab es einen Kindergarten mit Öffnungszeiten von 7:00 bis 16:00 Uhr – mittlerweile gibt es in meinem Heimatort noch einen Hort und eine Krabbelstube. Ich war auf die Unterstützung der Großmütter angewiesen – das war nicht zuletzt auch die Basis für meinen beruflichen Erfolg. Denn hätte ich diese Möglichkeit nicht gehabt, dann wäre mein Vollzeit-Berufseinstig, als meine Töchter zwei und viereinhalb Jahre alt waren, nicht denkbar gewesen.

Was war Ihre Motivation, wieder in das Berufsleben einzusteigen?

GERSTORFER_Mir ist nach vier Jahren zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen. Es war mir zu fad, ich habe mir gedacht, ich kann mehr. Der Einstieg beim AMS hat sich dann eher zufällig ergeben. Ich habe die Gelegenheit am Schopf gepackt und es einfach gemacht – immer mit dem Risiko, dass ich wieder aufhören muss, wenn es sich nicht ausgeht.

Gab es Momente, in denen Sie sich dachten, es geht sich nicht aus?

GERSTORFER_Speziell wenn die Kinder krank sind, ist es schon eine Herausforderung, oder wenn man um halb fünf heimkommt, dann mit den Kindern noch Hausaufgaben machen, Flöte üben und sie dann noch irgendwohin bringen muss und das erste Mal um halb neun am Abend durchschnaufen kann, wenn die Mädls schlafen, denkt man schon, es könnte ein bisschen lockerer sein – aber das geht vorüber.

Die Zeit der Doppelbelastung mit Karriere und Kind ist vorübergegangen, doch mit dem Wechsel in die Politik zur SPÖ haben Sie keinen einfachen Job übernommen. Warum haben Sie sich das angetan?

GERSTORFER_(lacht) Das fragt mich jeder. Ich bekomme jetzt immer drei Fragen gestellt: Wie geht es dir? Wieso tust du dir das an? Geht es dir eh immer noch gut? Natürlich hätte ich es mir lockerer machen und AMS-Chefin bleiben können, weil da war ich auch schon entsprechend angesehen. Aber ich glaube, wenn man sudern kann, dann muss man auch mitgestalten wollen und das ist mein Antrieb. Es ist das Verantwortungsbewusstsein, unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass meine Enkelkinder, die jetzt zwischen neun Monaten und dreieinhalb Jahre alt sind, ein Land vorfinden, das auch in 40 Jahren noch lebenswert ist. Und nein, ich bereue es nach wie vor nicht, weil es eine unglaublich vielschichtige, abwechslungsreiche und oft überraschende Arbeit ist. Es macht immer noch Spaß und ich sehe noch keinen Punkt, an dem ich glaube, dass sich das großartig verändern wird. Das Zeitbudget und die Verantwortung sind schon ordentlich, aber ich bekomme auch irrsinnig viel zurück, wenn Menschen sich über meine Arbeit freuen und mir ein positives Feedback geben.

Hat sich Ihr Arbeitspensum stark erhöht?

GERSTORFER_Ich hatte beim AMS auch schon viele Abendtermine, aber die sind eindeutig mehr geworden und es kommt das Wochenende dazu. Mein Wunsch nach einem freien Abend unter der Woche und einem ganzen oder zwei halben freien Tagen am Wochenende ist weitgehend auch realisierbar. Man muss immer darauf achten, dass sich etwas anderes auch noch ausgeht, denn Studien zeigen, wenn sich ein Mensch nur auf eines – Beruf oder Freizeit – konzentriert, wird er mittelfristig krank.

Hat es eine Frau in der Politik schwerer als ein Mann?

GERSTORFER_Das kann ich nicht beurteilen, weil ich viel kürzer Politik mache als die Männer in der Landesregierung. Es gibt in der Politik noch viel weniger Frauen in namhaften Positionen als im normalen beruflichen Leben, weil es für Frauen neben Familie, Kinder und Haushalt schwerer ist, sich auch noch in der Politik zu engagieren. Ich kann meine lange Managementerfahrung sehr gut auf politische Themenstellungen übertragen und es gibt auch den Vorteil als Frau in der Politik, dass Menschen ein bisschen mehr Beißhemmung als einem Mann gegenüber haben._

ZUR PERSON

Geboren am _10. Oktober 1963 in Wels

Familie _verheiratet, Mutter zweier Töchter (29 und 30 Jahre) und dreifache Großmutter

Wohnort _Alkoven

Ausbildung _1983 Matura an der HAK Eferding, 2013 Abschluss des Masterlehrganges Professional Master of Management and Leadership an der JKU in Linz

Karriere _Seit Sommer 2016 Vorsitzende der SPÖ OÖ und Landesrätin für Soziales,

Gemeinden und Frauen. Im April übernimmt die neue VP-Landesrätin Christine Haberlander die Frauenagenden.

2010 – 2016 Landesgeschäftsführerin des AMS Oberösterreich

2006 – 2010 stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Oberösterreich

1995 – 2006 AMS-Geschäftsstellenleiterin Eferding, später Wels

3 Ratschläge von Landesrätin Gerstorfer für eine erfolgreiche Berufslaufbahn für Frauen

01 Möglichst zeitgerecht wieder in den Job einsteigen! Völlig egal ob man nur für ein paar Stunden geringfügig oder auch mit mehr Arbeitszeit wieder einsteigt, aber so bleibt man am Ball und damit ist die Gefahr für eine spätere dequalifizierte Beschäftigung viel kleiner.

02 Mehr auf sich selbst als auf das Umfeld hören! Man bekommt so viele verschiedene Ratschläge, die man schwer alle unter einen Hut bringen kann.

03 Sich selbst vertrauen! Mit entsprechendem Selbstbewusstsein als Frau an die Dinge herangehen.

gedanken

Wie mich ein Feind in drei Worten beschreibt _vielleicht Emanze – aber schwer zu sagen.

Wie mich ein Freund in drei Worten beschreibt _durchsetzungsstark, humorvoll, optimistisch.

Es ärgert mich _wenn jemand sudert und keinen Verbesserungsvorschlag hat.

Laut werde ich _wirklich extrem selten und höchstens, wenn jemand bewusst und mit Vorsatz dilettantisch ist.

Die besten Ideen kommen mir _beim Autofahren, beim Bügeln, beim Unkraut zupfen – also alleine.

Berufswunsch als Kind? Ich wollte in die Gastronomie, aber sie haben mich mit vierzehn Jahren in keiner Hotelfachschule genommen – sonst wäre ich jetzt Hoteldirektorin.

Beruflichen Erfolg erreicht man _mit Nachhaltigkeit, indem man das Ziel nicht aus den Augen verliert.

Diese Frage kann ich von Journalisten schon gar nicht mehr hören _Warum haben Sie sich das angetan?

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