Energiestrategie und Ökostrom

Wie zukunftssicher ist Österreichs Energiestrategie?

Das Pariser Klimaabkommen, die 20-20-20-Ziele der Europäischen Union oder das Ökostromgesetz – sie alle haben ähnlich ambitionierte Ziele: weniger Treibhausgasemissionen, mehr Energieeffizienz und ein höherer Anteil an erneuerbaren Energien. Laut Walter Boltz, ehemaliger Leiter der heimischen Energie-Regulierungsbehörde E-Control seien die nationalen Ziele für Österreich allerdings nicht erreichbar. Zumindest nicht mit der bisherigen Energiestrategie.

Was muss also geändert werden? Und wie können CO2-Emissionen reduziert werden, ohne dass dabei Wettbewerbsnachteile für die heimischen Wirtschaft entstehen? Antworten darauf versuchte eine Expertengruppe der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Oberösterreich (WKOÖ) bei einer Exkursion in den Osten Österreichs zu finden. Stationen waren der Netzbetreiber Austria Power Grid, das Verbund-Wasserkraftwerk Freudenau und der Windpark Bruck an der Leitha. Obwohl Österreich weltweit zu den am besten mit Strom versorgten Ländern gehört, würde ein Ausfall – vor allem in der Industrie – sehr viel Geld kosten. "Damit eine stabile Stromversorgung langfristig sicher ist, braucht es einen Ausbau des nationalen und europäischen Versorgungsnetzes", sagt Spartenobmann Günter Rübig. Neben einer ressourcenschonenden Energieerzeugung müssten auch wettbewerbsfähige Preise sichergestellt und mehr Forschung bei den Speichertechnologien betrieben werden. Die Beschlüsse der im Juni verabschiedeten Ökostrom-Novelle, wie etwa eine Abwrackprämie für Biogasanlagen, ein Ausbau von Photovoltaikanlagen auf Mehrfamilienhäusern oder eine Verlängerung der Verfallsfrist für Windkraftgenehmigungen, würden nur Teillösungen schaffen. Für Energieberater Walter Boltz seien die dafür investierten 800 Millionen Euro an Zusatzförderungen ein „Sündenfall vor der Wahl“.

zeitgemäßes Fördersystem

Dieses „Wahlzuckerl“ wäre nicht notwendig gewesen, dafür vielmehr eine Systemumstellung: „Wir müssen weg von der Dauersubventionierung von Ökostromanlagen und sollten auch die Förderungen über Einspeisetarife nicht verlängern. Stattdessen sollten wir neue Modelle wie Investförderungen und Ausschreibungen vorantreiben“, so Rübig. Als Beispiel nennt er etwa das Fördersystem in Deutschland, bei dem die Höhe der Ökostrom-Beihilfen im Wettbewerb ermittelt wird. Bauprojekte für Solar- und Windparks werden staatlich ausgeschrieben, den Zuschlag erhalten nur die Investoren mit dem geringsten Förderbedarf. Neben Deutschland konnten so etwa auch in Dänemark bereits große Wind- und Photovoltaik-Projekte ohne oder nur mit geringem Förderungen vergeben werden. Stromerzeugung aus diesen Anlagen sei nach Jahren der Entwicklung wettbewerbsfähig und könne auch in Österreich ohne größere Förderungen am Markt bestehen. „Erneuerbare Energie ist im Mainstream angekommen und wird sich durchsetzen. Bei ausreichendem Netzausbau kann sie durchaus mit Gas, Kohle und Nuklearenergie konkurrieren“, ist Boltz überzeugt. Er war von 2001 bis 2016 Vorstand bei E-Control.

In den vergangenen Jahren hat sich der Bruttoinlandsverbrauch tatsächlich sehr zulasten von Erdöl, Gas und Kohle und zugunsten der erneuerbaren Energien entwickelt: Daten des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zufolge betrug ihr Anteil im Jahr 2016 knapp 30 Prozent. Öl lag bei 36,4 Prozent, Gas bei 21,1 Prozent und Kohle bei neun Prozent. Derzeit gibt es in Österreich knapp 1.200 Windkraftwerke. Laut Boltz müsste es de facto aber möglich sein, den gleichen Ökostromausbau mit der Hälfte der bisher verwendeten Fördergelder (oder den doppelten Ausbau mit den gleichen Kosten) zu erzielen. Vor allem ein weiterer Ausbau der Wasserkraft sei wichtig. Oberösterreich habe viele Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind – damit bliebe die Wertschöpfung im Land. „Und dann müssen gleichzeitig auch noch bestehende technische Probleme wie die Volatilität und die langfristige Speicherung gelöst werden“, lauten die Forderungen der Sparte Industrie an die neue Bundesregierung, die im Herbst auf der Agenda ganz oben stehen sollten.